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16. Okt 2018, Wirtschaft | Gesundheitsmanagement

Resilienz: Ist das lernbar? Teil 1

Vera Bregger ist die Leiterin von vivit, dem Kompetenzzentrum für Gesundheit und Prävention der CSS Versicherung. Im Gespräch mit dem Redaktionsteam der Handelskammer Deutschland-Schweiz beantwortet sie Fragen zum Thema Resilienz und betriebliches Gesundheitsmanagement.
Was ist Resilienz?
Resilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Menschen, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Wir alle sind früher oder später mit Stress konfrontiert, müssen Krisen überwinden, Rückschläge wegstecken oder lernen, mit Schicksalsschlägen umzugehen. Nicht jedem Menschen gelingt das gleich gut. Auf einen Jobverlust beispielsweise reagieren die einen mit Selbstzweifeln und sozialem Rückzug, während andere ihr Netzwerk aktivieren und sich nach Weiterbildungsmöglichkeiten umsehen. Der Unterschied liegt unter anderem in der individuellen Resilienz. Das Wort stammt aus dem Lateinischen (resilire) und bedeutet so viel wie «abprallen» oder «zurückspringen». Vom resilienten Menschen springen Schwierigkeiten des Lebens also gewissermassen ab, er lässt sich von ihnen nicht kaputtmachen sondern geht unbeirrt seinen Weg. «Niederlagen» akzeptiert er als Teil des Lebens und entwickelt die Fähigkeit, immer wieder aufzustehen und ggf. sogar besser zu werden. Lange wurde der Begriff Resilienz vornehmlich in der Biologie und in der Materialkunde verwendet, wo er überlebens- und anpassungsfähige Systeme beschreibt oder Stoffe, die auch nach starken Verformungen stets in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren. In der Psychologie ist Resilienz seit einem knappen Jahrhundert ein Begriff. In den letzten Jahren gewann er gerade im Zusammenhang mit der gestiegenen Komplexität und Volatilität der modernen Arbeitswelt zunehmend an Bedeutung. Resilienz wird als Potenzial betrachtet, Handlungsstrategien für den Umgang mit Phänomenen zu entwerfen, auf die das Individuum keinen Einfluss hat (z. B. die Dynamisierung der Arbeitswelt).
Wird man als Mensch resilient geboren?
Nein. Sicherlich ist ein Teil der individuellen Widerstandsfähigkeit auf die genetische Veranlagung zurückzuführen. Aber auch die Erfahrungen im Kindesalter sowie erlernte Strategien und Kompetenzen spielen eine wichtige Rolle. «Selbstwirksamkeit» nennen Psychologen die Fähigkeit, Herr und Meister seiner Handlungen zu sein, etwas beeinflussen zu können, also positive Lernerfahrungen zu verinnerlichen und daraus abzuleiten, sich kompetent und im besten Fall auch selbstsicher zu fühlen. Resilienz beinhaltet Persönlichkeitseigenschaften, aber auch Denk- und Verhaltensmuster, die für Stabilität im Umgang mit herausfordernden Situationen sorgen. Sie wird unter anderem in der Reflexion mit sich selbst und im Austausch mit anderen Menschen erworben, ausgebaut und kann bis ins hohe Alter (weiter-)entwickelt werden.
Da der Mensch aus Warte der Hirnforschung lernfähig bleibt, geht es stark auch darum, die neuronalen Strukturen ein Leben lang aktiv zu halten und dadurch stets neue Muster zu etablieren. Die Fokussierung auf lösungsorientiertes Denken und Handeln gehört dazu. Ebenso dass man sich bewusst wird, dass Lernen immer auch bedeutet, alte Verhaltensweisen zu «verlernen», sich also auch traut, bewusst gewohnte Umgebungen zu verlassen und sich neuen Erfahrungen zu stellen. So kann z. B. die willentliche Absicht, jeden Tag etwas zu tun, was man nicht kennt, sich also neuen Erfahrungen auszusetzen, leicht als konkrete Übung in den Alltag eingebaut werden.
Also kann jeder lernen, resilienter zu werden?
Grundlegend ja, denn dank der neuronalen Plastizität unseres Gehirns sind wir Menschen geradezu dafür geschaffen, uns immer wieder zu verändern, uns anzupassen und neue Kompetenzen erwerben zu können. Die Wissenschaft hat im Laufe der Jahre auch herausgefunden, welche Denk- und Verhaltensweisen der Resilienz besonders förderlich sind. Dazu gehören beispielsweise Akzeptanz und Optimismus. Wem es gelingt, eine Krise als natürlichen Bestandteil eines erfüllten Lebens zu betrachten und in ihr eine Chance für eine positive Veränderung zu sehen, kann besser mit Rückschlägen umgehen. Auch Selbstachtsamkeit und Selbstverantwortung gehören zu diesen resilienzfördernden Faktoren; also die Kompetenzen, Verständnis und Wertschätzung für das eigene Tun und Verhalten zu entwickeln und Verantwortung dafür zu übernehmen. Perfektionismus wirkt meist hemmend; ebenso, übertriebenen Ansprüchen genügen zu wollen. All das ist also lernbar. Ausserdem lohnt es sich, in das private und berufliche Netzwerk zu investieren. Wer mit der Gewissheit lebt, auch in schwierigen Zeiten auf die Unterstützung seiner Mitmenschen zählen zu können, hat gute Chancen, resilienter und auch glücklicher durchs Leben zu gehen.
 
 



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